Irreführende Wegweiser

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Ein Lied dazu hier

 

Was ich auf dieser Baustelle von Anfang an vermeiden wollte, war jemandes Suche nach Gott dadurch zu beeinflussen, dass ich spezielle Gemeinschaften, die sich auf ganz unterschiedliche Weise für Gottes Reich einsetzen, subjektiv als gut oder schlecht bewerte. Ganz besonders möchte ich mich nicht pauschal einer schon fast zum Klischee verkommenen Schelte anschließen, die sich oft völlig unreflektiert auf die Zeugen Jehovas eingeschossen hat. 

 

Das Christentum in seiner real existierenden Vielfalt bietet mehr Gründe zum Hinterfragen als nur die Lehren einer einzigen Gemeinschaft, die wegen ihres Eifers für das, was ihren Glauben ausmacht, von vielen als lästig empfunden werden. Ein herausragendes Beispiel wären dabei für mich die Herrschaften, die man jetzt nicht mehr so häufig zu sehen bekommt, weil ihr spezieller Schützling das von ihnen umbete Amt nicht mehr ausübt. 

 

Ich meine die als "Evangelikale" bezeichneten Pastoren, die den Herrn Trump vor laufenden Kameras umbeteten, und ihrem "Heavenly Father" inbrünstig für diesen mutigen Mann dankten, und sein Tun, worin immer es gerade bestanden hatte, segneten. Auch den Mord an einem hohen Beamten des irakischen Militärs lobten sie als heroische Tat, wobei es mir jetzt nicht darum geht, die vermeintliche Ehre jenes Kriegers zu retten. So ein Verhalten passt nicht zu Menschen, die behaupten, dem zu folgen, der zu einem seiner Jünger sagte, er solle sein Schwert wegpacken, als der ihn damit beschützen wollte.

 

Ist nur ein schnell eingestreutes Beispiel und müsste eigentlich tiefer betrachtet werden. Aber darum geht es mir nicht. Ich habe jetzt einen Grund, ebenfalls etwas näher auf die Verkündiger ihrer eigenen Wahrheit einzugehen. Grund dafür ist ein Video, auf das ich mehr oder weniger zufällig gestoßen bin, das mich dazu brachte, mich den Dingen, die ich gelernt hatte als sekundär wichtig einzustufen, doch erneut zuzuwenden, denn es hat damit zu tun, was die Suche nach Gott beeinflusst.

 

Hier zunächst der Link zu dem betreffenden Filmchen. Es dauert etwa 15 Minuten, und ist sicher für jeden interessant, der sich fragt, wem er glauben soll, angesichts der verwirrenden Vielfalt auf dem Buffet besonderer Wahrheiten über Gott.   

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=L5qW-5U2Ew0

 

 

In dem hier verlinkten Video hat der sympathische Betreiber einen Brief der Leitung der Zeugen Jehovas an die Versammlungen vorgelesen, in dem ein Teil nur für die Ältesten bestimmt war. Ganz unverhohlen wurde dort verfügt, dass private online-Zusammenkünfte außerhalb der regulären Treffen „nicht vorgesehen" also verboten seien. Der Organisation war zu Ohren gekommen, dass es gerade in der Corona-Zeit vermehrt Bestrebungen gab, weitere Zusammenkünfte abzuhalten um biblische Themen zu erörtern, die Bibel gemeinsam zu lesen, und dass man die sogar mit Gebet begann und beendete.

 

Eine prophezeite Führerelite?

 

 

Ein solch autoritäres Gehabe ließe sich bestenfalls rechtfertigen, wenn ihre Behauptung, Jesus hätte im Himmel 1914 sein Königreich errichtet, und für eine von ihm autorisierte  Führungselite gesorgt, die die Interessen dieses Seines Reiches vertritt. Als Beweis dient ihnen ein Wort Jesu aus seiner „Endzeitrede“, das als Gleichnis gedacht war, von ihnen aber wie eine Prophezeiung behandelt und entsprechend gelehrt wird. Jesus habe damit gemeint, dass er in der „Zeit des Endes“ einen  Prokuristen, „treuer und verständiger Sklave genannt“, bestimmt, und über seine ganze Habe gesetzt hätte. Die Habe Jesu sind die Menschen, und der Sklave sei dafür verantwortlich, aus diesen Menschen die Schafe Jesu herauszusammeln und sie in Seinen Wegen zu unterweisen. Mit deutlicher Weisungsbefugnis, denn er als Körperschaft vertritt den im Himmel regierenden König Jesus Christus.

 

 

 

 

Wem dieser Anspruch arrogant erscheint, der darf daran denken, das es schon jemanden auf der Erde gibt, der diesen Anspruch außerdem wesentlich länger für sich hegt, den alle frommen Katholiken als „heiligen Vater“ betrachten, dem mindestens genauso viel Ehre erwiesen wird wie Gott. Eher mehr, denn ihn kann man sehen, Gott nicht. Menschlicher Machtanspruch scheint mit der Religion untrennbar verbunden zu sein.

 

 

Doch das nur am Rande. Sie, die wahren von Gott eingesetzten Sklaven Christi, lassen in dieser Deutung aber völlig unberücksichtigt, was das Gleichnis im weiteren Verlauf beschreibt: eine solche Erwählung sollte nicht automatisch für ewig bestehen bleiben, sondern vom Verhalten dieses Sklaven abhängen. Jesus hatte mit diesem Gleichnis (auch) auf eine Entwicklung hingewiesen, die schon im ersten Jahrhundert begann. In Lukas 12, ab Vers 35 spricht Jesus von der Notwendigkeit wachsam zu sein, und sich als tätige Diener zu erweisen, die die Hausknechte des Herrn während dessen Abwesenheit mit allem Lebensnotwendigen versehen – V 42ff .

 

Petrus hatte ihn daraufhin gefragt, ob er dies nur zu ihnen, seinen Aposteln gesagt hätte, und die Antwort Jesu zeigt den Gleichnischarakter seiner Worte. In einem seiner Briefe schreibt er vom Umgang mit der Gnade und der Gabe des Geistes, die jeder verantwortungsvoll verwalten, mit der man in seinem Sinne umgehen soll, also zum Nutzen anderer. Wer diese Gabe missbraucht, um sich selbst zu sättigen, würde den Hirten des alten Israel gleichen, die von Gott harsch kritisiert wurden und der Anlass waren, dass Er sich „nun" selbst um Seine Schafe kümmern würde. „Nun“ heißt: zu Seiner Zeit.

 

 

 

 

Individuelle Leitung durch den Geist

 

Er hat keine „Leitende Körperschaft" eingesetzt, sondern „Gaben zurückgelassen“, die aus Menschen bestanden, die sich je nach ihren vom Geist verliehenen Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringen sollten. Er hat also Verantwortlichkeiten verteilt, alles im Sinn der Worte Jesu: „Wer unter euch der Größte sein will, soll euer aller Diener sein".

 

Dass er kein Amt als Dauervorrecht prophezeite, zeigen die Worte, die er in diesem Zusammenhang noch sprach. lt. Vers 45,46:  Wenn aber der Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich zu kommen! und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, …, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen. Dass diese Entwicklung als möglich dargestellt wird, ist an sich schon ein Indiz dafür, dass es niemandem erspart bleibt, mitzudenken und zu prüfen. Darauf komme ich gleich.

 

Ich bringe das mit einem ähnlichen Gleichnis in Verbindung, wo Jesus davon spricht, dass ein Herr anlässlich einer längeren Abwesenheit seine Habe unter seinen Dienern zwecks Verwaltung verteilt, jedem nach seinen Fähigkeiten, um Geschäfte damit zu machen. „Wem viel anvertraut wurde, von dem wird viel verlangt werden“.

 

 

Man kann schon in der frühen Geschichte des Christentums nachverfolgen, wie die Gaben des Dienens umgestaltet wurden in Ämter, und wie daraus die hierarchisch organisierte Organisation der Römisch-Katholischen Kirche wurde, die tatsächlich wie im Gleichnis beschrieben anfing, Seine Leute zu misshandeln und auszubeuten.

 

 

Diese Machtbefugnisse, und wie sie vor Jahrhunderten vom katholischen Klerus begründet wurden, sind fast wörtlich in der frühen Selbstdarstellung des „treuen und Verständigen Sklaven“ wiederzufinden (sehr gut dargelegt in Raymond Franz, Auf der Suche nach christlicher Freiheit, Seite 35ff zentralistische Vollmacht). Der hat seine Macht dadurch begründet, dass er die These von den 2 Klassen von Christen entwickelte, und der einen Klasse  absprach, des Heiligen Geistes und somit der Zeugung zu geistigen Kindern Gottes teilhaftig werden zu können.

 

Das Verbot, eigenständig die Bibel zu studieren, um Gottes Willen zu erforschen, ist ein klarer Widerspruch zu der Ermahnung des Johannes, alles zu prüfen und das Gute zu behalten. Wenn ich argwöhnen muss, dass jemand mir dauerhaft Unwahrheiten auftischt, bewusst oder unbewusst, werde ich nicht andere Worte vom ihm selbst zum Prüfen benutzen, sondern mich der Quelle bedienen, auf die er sich beruft, und das kann in diesem Fall nur der Heilige Geist sein.

 

Diesen Weg verbaut man, indem man behauptet, Sein Geist würde heute nicht mehr so wirken wie damals. Schließlich hätte Paulus ja geschrieben, die Geistesgaben würden aufhören.  Man lässt dabei unter den Tisch fallen, dass der auch darüber schreibt, wann das der Fall sein würde. Nachzulesen in 1.Korinther 13: 8-12

 

 

In Wahrheit beraubt die LK ihre Schäfchen der Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Sie redet ihn klein, indem sie erklärt, er würde helfen, die Speise, die der treue Sklave darreicht, zu verstehen, weil das die Art sei, wie Jesus sein Volk heute leitet.

 

Eingewoben in die "Wahrheit"

 

 

Die Unwahrheiten sind derartig miteinander verwoben, dass man schon beim einführenden Heimbibelstudium selbst Teil dieses Geflechtes wird, ohne es zu merken. Wer mittels tendenziöser Unterweisung persönlich in die Lehre integriert ist, wird vergleichsweise zu einem zweidimensionalen Wesen herabgestuft.

 

Stelle ich mir das Lehrgebäude der Organisation als einen Wandteppich vor, dann hat jemand, der ihn von außen betrachtet, den Überblick über das gesamte Kunstwerk – in Sinne von „künstlich, nicht künstlerisch“. Wer aber zu einem Faden umgearbeitet und eingewoben wird, sieht gar nichts außer vielleicht seinem Nebenfaden. Der versteht nicht mal, in welchem größeren Kontext er selbst Teil des Bildes ist.

 

Sich aus diesem fest verwachsenen Konstrukt zu lösen kann viel Fingerspitzengefühl aber auch Kraft erfordern und sehr schmerzhaft sein. Dass es das wert ist, erkennt man erst nach der Herauslösung, denn erst dann erkennt man die wahren Dimensionen, die Weite, in die Gott uns durch Jesus gesetzt hast.

 

 

Was also geschieht mit dir, wenn du dich auf ein „Bibelstudium" mit den einzig wahren Wahrheitsvertretern einlässt? Zusammengefasst: Du wirst nicht wirklich belehrt über den Willen Gottes, sondern lediglich über die Vorstellungen, die diese Lehrer davon haben. Du wirst umgestaltet zu einem Webfaden, den andere in ihr Werk integrieren. Es mag das Gefühl vermitteln, den Sinn des Lebens erkannt zu haben, weil du Bestandteil eines größeren Ganzen bist – dazugehörst – aber du hast keine weitere Handlungsbefugnis als das zu sein, was man aus Dir gemacht hat. Und dort zu bleiben, wohin Du gesteckt wurdest.

 

 

Dieser Gedanke ergibt sich für mich aus dem Brief der LK an die Ältesten der Versammlungen. Der Heilige Geist ist nicht so minimalistisch in seinem Wirken. Er holt dich aus diesem zweidimensionalen Bereich heraus, in dem Du nichts weiter tun kannst außer deinen Platz auszufüllen. Er entwickelt in dir das, was Paulus im ersten Korintherbrief beschreibt, wo er den Christen klarzumachen versucht, was den Unterschied ausmacht zwischen einem Geistesmenschen und einem, der sich dem Geist verweigert oder entzieht, bzw. dem der Zugang zum Geist von anderen verbaut wird.

1.Korinther 2: 10,11

 

der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes. 11 Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So hat auch niemand erkannt, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes.

 

Vv 14-16

 

Ein natürlicher Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird. 15 Der geistliche Mensch dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemand beurteilt. 16 Denn »wer hat den Sinn des Herrn erkannt, wer, der ihn unterweisen könnte?« Wir aber haben Christi Sinn.

 

 

Wenn ich das Bild vom Wandteppich beibehalte, dann ist der von Gottes Geist gewobene mehrdimensional, er lebt und wächst, und auch hier werden wir zu „Fäden" umgestaltet, die Er aber selbst in das Bild einfügt, die sich unter Seiner Leitung weiterhin eigenständig bewegen und sogar das Bild mitgestalten können. Wir sind Teil davon und können es gleichzeitig mittels Seiner großartigen Perspektive von außen betrachten, um unseren Platz darin immer wieder neu zu verorten. Unfassbar, dieses Bild.

 

 

Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Hebräer 13, 8

 

 

Er wird keine Rückschritte machen, und das Große, was er mit Seinem Geist begonnen hat, die Freiheit, die das Leben in und mit ihm bedeutet, wieder zurückschrauben auf die Gesetzesebene. Er selbst hat sie als veraltet betrachtet, als den Teil einer Entwicklung, die die Voraussetzungen schaffen sollte für das, was Jesus für uns sein und mit uns tun will.

 

 

Ich wünsche mir, dass jemand, der noch mit jener Demosoftware der Wahrheit arbeitet, erkennt, dass sie nicht ausbaufähig ist, wegen des veralteten Betriebssystems. Es gibt auch keine Sicherheitsupdates mehr. Das neue Betriebssystem ist flexibler und dazu geeignet, höhere Levels zu erreichen. Der Weg mit Jesus ist einer, der beim Gehen entsteht, bei jedem Schritt, den man im Glauben vorwärts setzt. Darum hoffe ich sehr, du als Betroffener siehst in diesen Gedanken keinen Angriff eines garstigen Feindes sondern eine Ermunterung, den von Menschen auf Engelgröße geschrumpften Jesus gegen den auszutauschen, der er wirklich ist.

 

 

Niemand wird versuchen, aus einem Gefängnis auszubrechen, wenn er es nicht als Gefängnis empfindet. Wenn du aber dem Jesus vertraust, der dir seine Hand hinhält, und sie ergreifst, dann besteht eine nicht geringe Hoffnung, dass dir die Enge des Lebensraumes bewusst wird, auf den du dich so lange hast beschränken lassen, und dann wird auch der Wunsch folgen, einen Schritt vor die Tür zu machen, um zu sehen, was Leben ist.

 

          

Und nun?

 

Da ich nun also doch dazu übergegangen bin, mich dieser Variante christlichen Glaubens zu widmen, werde ich mich wohl zwangsläufig auch den Fragen stellen müssen, die sich jetzt ergeben haben. Auch für mich selbst. Wohin soll das nur führen? Also: Fortsetzung folgt.