Kapitel 2

 Einheit – zwei Beispiele

 

Den Gedanken der Einheit zu hinterfragen birgt gewisse Risiken. Besonders, wenn man mittendrin steckt. Beruht sie auf einer Ausrichtung, die eine militanten Gesinnung beinhaltet, kann ein Querschießen gar lebensgefährlich werden. In manchen christlichen Denominationen wird es schlimmstenfalls nach dem Tod richtig hässlich, weil zumindest unterschwellig die Vorstellung von der „Hölle“ zur Bewusstseinsbildung beiträgt. Man fürchtet sich zwar nicht mehr vorrangig vor diesem Ort, aber viele haben ihre Entscheidung für ein Leben mit Jesus getroffen, nachdem ihnen in einer Erweckungsveranstaltung nach einem aufrüttelnden Vortrag die Frage gestellt worden war, wo sie „ihre Ewigkeit“ verbringen wollen. Ausschließlich zwei Alternativen werden standardgemäß angeboten: Himmel oder Hölle. Durch die richtige Entscheidung wird man dann die Angst vor der Hölle los, die man vorher wahrscheinlich gar nicht gehabt hat, mangels Glauben daran, die aber im Laufe des Vortrags allmählich so konkret Form annimmt, dass eine Befreiung davon notwendig erscheint. Nicht bei allen natürlich, aber der Mechanismus funktioniert doch auch noch im 21. Jahrhundert bei mehr Menschen, als man vermuten mag. Ohne es zu wollen, benutzt man die Furcht vor dem Unbekannten, um eine Einheit zu fördern, die es ermöglicht, schädliches Gedankengut, wie z.B. den Nationalismus, unter einer Tarnkappe zu verbergen und trotzdem zu fördern.

 

Das zeigen die Beispiele verschiedener amerikanischer Präsidenten sehr deutlich, die eine große Wählerschaft für sich gewinnen konnten, indem sie sich vor laufenden Kameras voller Ergriffenheit tiefe Bibeltreue attestierten. Dann konnten sie mit Zustimmung eines großen Teils ihrer Nation ganze Volksgruppen und in besonderen Fällen auch Einzelpersonen im Namen Gottes mit christlichen Bomben der Gerechtigkeit auslöschen.

 

Ich habe natürlich keine Statistiken im Kopf, um in Zahlen ausdrücken zu können, ob es sich um eine Mehrheit handelt, die so denkt, aber zumindest das, was man aus diversen Medien zuweilen hierzu erfährt, lässt diesen Schluss zu. Es betrifft auch nicht nur Amerika. Es ist ja unbestreitbar eine wachsende Tendenz zum Nationalismus auch in anderen Ländern zu beobachten. Zu einem nicht geringen Teil beruht die Macht, die die Wortführer erlangen, auf einer Berufung auf das, was man christliche Werte nennt. Das stellt an solche Leithammel*innen auch keine besonders hohen Anforderungen bezüglich ihrer Rhetorik, denn Christ-Sein heißt bekanntlich Gut-Sein, und gut wollen wir ja schließlich alle sein – nicht wahr?

 

Mutige Reporter begeben sich mitunter zwecks genauerer Berichterstattung auch gerne (?) mal in eine Einheit demonstrierende Menge ungebremsten Hasses hinein, um ihre Fragen an den Mann und die Frau zu bringen. In einer gegen Muslime gerichteten Demo fragte der Interviewer einige Teilnehmer nach dem Grund für ihren heiligen Zorn, und bekam zur Antwort: „Wir sind Christen, und wir wollen die hier nicht haben“, bzw. „die haben hier nichts zu suchen!“, und: „Das ist unser Land!“.

 

Jemand anders in der Menge – es müssten wohl mehrere gewesen sein - betonte den christlichen Anspruch seines/ihres Vaterlandes auf Reinheit im Sinne des Kreuzes durch ein riesiges hochgehaltenes Solches, das mit den Farben der deutschen Nationalfahne bemalt war. Sollte wohl seiner oder ihrer Meinung Ausdruck verleihen, dass Jesus Deutscher gewesen sein muss – oder wäre, wenn er heute die Wahl hätte. Vielleicht hatten die vaterlandsliebenden Kreuzträger ja den Begriff vom „heiligen römischen Reich deutscher Nation“ im Sinn, als sie auf diese Weise ihre Leidenschaft für beides demonstrierten.

 

Die Treue zum Vaterland hat traditionsgemäß in der christlich zu sein behauptenden Welt einen festen Platz in Teilen der Gesellschaft. Eigentlich setzte das schon ein, nachdem sich ein römischer Kaiser – Konstantin, und zwar der Große, wie es ergänzend heißt - im 4. Jahrhundert auf den Thron Gottes gesetzt und neue Gesetze darüber erlassen hatte, was als christlich einzustufen war. Man stellt das im katholisch-gläubigen Rückblick gern so dar, als sei das Christentum dadurch hoffähig und erst wirklich „richtig“ geworden. Teile der christlichen Lehre könnten sicherlich in diese Behauptung hineingedacht werden, und auch der Name Jesu war natürlich nicht zu leugnen, denn der bildete ja dann das Fundament der Macht. Wer würde schon widersprechen, wenn ein glorreicher Herrscher einer ursprünglich verfolgten Minderheit plötzlich Rechte gab, von denen sie nie zu träumen gewagt hätte? Doch dazu später mehr, weil dieses Thema mehr birgt, als man in einer Einleitungsphase erörtern kann.

 

Wie es sich mir zurzeit darstellt, wird sich dieser Punkt vielleicht sogar als der Kern entpuppen, um den all meine Fragen kreisen und somit zum Hauptthema werden. Mal sehen, ich schreibe ziemlich drauflos, mit nur einigen vagen Vorstellungen vom Ziel. Finde diese Art zu schreiben sehr spannend, besonders für mich selbst. Ich erlebe so täglich neue Überraschungen, und gar so manches Mal muss ich erstaunt feststellen, dass ich Dinge denke, die mir bis dahin nicht bewusst waren.

 

Soviel zunächst über die eine Form der Einheit, die manchmal eingefordert werden muss, sich aber auch nicht selten aus einem gemeinsamen Feindbild ergibt, und so lange erhalten bleibt, bis der Feind ausgetilgt ist. Und ja: was ich hier beschreibe sind natürlich Extremfälle und nicht auf die Allgemeinheit übertragbar. Aber der Blick auf Extreme hilft mir, besser zu verstehen, was mich eigentlich bewegt, und warum ich Schwierigkeiten damit habe, mich selbst irgendwo gedanklich einzuordnen.

 

Während es in diesem Beispiel um eine eher leicht zu erreichende Einheit geht, die nicht viel hinterfragen muss sondern einfach an vorhandene Instinkte appelliert und sie sich zunutze macht, gibt es auch noch eine Variante, die in manchen Fällen gar des bösen Wortes „Gleichschaltung“ bedarf, um ihr gerecht zu werden. Auch hier wähle ich wieder ein Extrem, um den Gedanken nachvollziehbar zu machen.

 

Auch wenn vielen das nicht bewusst ist: Die christliche Haltung, wie Jesus sie verständlich zu machen versuchte, zielte darauf ab, jeden einzelnen Menschen zu einem „mündigen Gläubigen“ zu machen. Sie sollten in eine Haltung hineinwachsen, durch die sie vom Geist Gottes so profitieren konnten, dass sie in der Lage waren, reife Entscheidungen für ihr Leben und ihren Glauben – auch im Sinne einer Gemeinschaft - zu treffen. Sie sollten aus der Abhängigkeit von sogenannten geistlichen Führern hinauswachsen, wie sie zu seiner Zeit in seinem Land üblich und von jenen Männern gewollt war. Bei genauerem Hinsehen ein Vorgang, der in allen Religionen zu finden ist. Zu allen Zeiten, in allen Kulturen. Auch dazu später mehr.

 

Nun also zur angedeuteten Variante der Einheit. Auf die folgenden Gedanken bin ich gestoßen, als ich im Netz nach einer bestimmten Bibelstelle suchte. Mich bewegt immer wieder mal die Frage, ob ich mit meinem zwiespältigen Umgang mit Glauben nicht andere durcheinander bringen könnte. Habe den Gedanken gegoogelt, aber nicht wie meistens den betreffenden Schrifttext gefunden, sondern einen Artikel in einer christlichen Zeitschrift, den ich auf den ersten Blick als sehr ausgewogen empfand. Bis ich auf folgenden Absatz stieß.

 

Lässt du dich gern auf Mutmaßungen über den Sinn gewisser Schrifttexte oder die Erfüllung von Prophezeiungen ein? Wenn du private, persönliche Ansichten äußerst, die dir einzuleuchten scheinen, für die du aber wenig oder gar keinen Grund hast, dann kann das einen unreifen Bruder leicht verwirren und ihn zu Fall bringen. Überdies verleitet es dich dazu, dir selbst ungebührende Aufmerksamkeit zu schenken, und so könnte dies dich selbst zu Fall bringen. Ehre Gott, und blicke, statt nach Ruhm für dich selbst zu trachten, in Bezug auf Unterweisung zu seiner Organisation auf.

Gefunden unter: https://wol.jw.org/de/wol/d/r10/lp-x/1961650

 

Zu Beginn des Artikels dachte ich noch, dass ich meine Einstellung einer ehrliche Überprüfung unterziehen müsste, weil dort vieles angesprochen wurde, was meine Neigung zu Selbstzweifeln förderte. Er behandelt scheinbar gute Gedanken darüber, wie man seine eigene Lebensweise und Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer im Interesse der Liebe miteinander in Einklang bringen kann.

 

Und es ist im Interesse der Einheit sicher auch gut, nicht jeden eigenen Gedanken über die Bedeutung von Schriftstellen hinaus- und sich selbst aufzublasen. Aber angesichts der Tatsache, dass wir in der Schrift ermahnt werden, immer bereit zu sein, zu prüfen, „ob sich diese Dinge so“ verhalten, geht man einen Schritt zu weit, wenn man jemandem Ruhmessucht unterstellt, der Teile einer Unterweisung infrage stellt. Und dann geht man sogar noch einen Schritt weiter, und behauptet, ein solcher Mensch entehre Gott mit seinem Verhalten.

 

Mir scheint dieses Beispiel ein weiteres Indiz dafür zu sein, wie man mit einem kleinen giftigen Pilz eine an sich gute Mahlzeit verderben kann. Lesern, die regelmäßig solche Kost vorgesetzt bekommen, werden nicht mehr erkennen, dass da etwas nicht stimmt, weil sie sich allmählich im Zuge der geistigen Nahrungsumstellung an den sonderbaren Geschmack gewöhnt haben.

 

Das ist in meinen Augen das, was sektiererisches Denken ausmacht: Jemandem, der sich seiner Verantwortung gegenüber dem eigenen Gewissen bewusst ist, Selbstgefälligkeit zu unterstellen. Wenn Johannes schreibt. „Glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott stammen“, dann zeigt das deutlich genug, welchen Stellenwert unser eigenständiges Denken aufgrund des Lehrens Jesu besitzt. Und wenn man schon ihn als Basis für die „Unterweisung“ benutzt, dann sollte man mehr mit einbeziehen, als nur den Adressaten Ruhmessucht zu unterstellen.

 

Zum Beispiel schreibt auch der Apostel Paulus zum Thema Sektierertum:

 

Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf; jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. 11 Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. 1.Korinther 3: 10,11

 

Ich hatte ja ursprünglich nur vor, mich wieder einmal zu versichern, ob ich auf dem richtigen Weg bin, weil ich mich erneut zu verzetteln drohte. Leider gab es in mir immer eine Grundhaltung, die es solchen Lehrern möglich macht, eine gehorsame Einstellung für sich zu nutzen und weiter auszubauen. Auch jetzt bin ich immer noch geneigt, mich selbst infrage zu stellen, weil ich ja nur ich bin, wohingegen jene Organisation mit starker Hand ein weltweites Verkündigungswerk anhand der Schrift leitet. Wieder kommt mir der Kampf Davids gegen Goliath in den Sinn, was sehr oft geschieht, wenn mir diese Art von Selbstverstümmelung zu einer Barriere für weitere Schritte wird.

 

Ich sehe aber an diesem einen Satz in einem an sich guten Artikel, dass es sich bei der Ausrichtung dieser Organisation nur um eine intelligentere Variante religiösen Missbrauchs handelt. Die vaterlandsorientierten Christen halten unter Berufung auf Jesus die bereitwillig alles Glaubenden im unreflektierten Nationalismus gefangen. Demgegenüber steht eine Ausrichtung, die versucht, mit Argumenten, die etwas mehr Tiefe vortäuschen, schriftgemäß zu zeigen, dass alle außer ihnen im Unrecht sind, was die „richtige“ Auslegung der Schrift betrifft.

 

Die mit nationalistischen Tendenzen Glaubenden untermauern indirekt ihren Unsinn mit der unausgesprochenen Furcht vor der Hölle, die bei dieser Art, Jesus zu verstehen, in den Köpfen traditionsgemäß verankert ist. Und weil – besonders bei amerikanischen Christen - die Liebe zum „Vaterland“ untrennbar mit der Liebe zu Gott verbunden ist, würde man in vielen so ausgerichteter Gemeinden als bezeichnet gelten und gemieden werden, wenn man sich diesem Denken verweigert. Weg von der Gemeinde heißt, weg von Jesus, und weg von Jesus heißt nun mal Hölle. Da gibt es gar nichts zu diskutieren. Das würde natürlich niemand zugeben, aber man erwähne nur mal unter Christen mit einer solchen Prägung, dass man – selber Christ – nicht an diese Höllenvorstellung glaubt, dann wird man nicht selten schon im Gesichtsausdruck des Gegenübers erkennen, was man sich da für einen Fehltritt erlaubt hat.

 

Die nicht auf Traditionen schauende Seite – im Größenvergleich kleiner, aber geistig stärker –kann allen im Christentum im Laufe der Jahrhunderte eingeschleusten Gottesbildern mit Schriftstellen und ausgewählten Zitaten kluger Autorinnen und Autoren grundsätzlichen Irrtum „nachweisen“. Wer sowieso schon eine eher distanzierte Haltung zur Kirche hatte, aber trotzdem eine gewisse Tendenz zum Glauben an Gott in sich trägt, kann durch etwas, was man etwas irreführend „Bibelstudium“ nennt, mit geschickt platzierten Argumenten zu der Überzeugung gebracht werden, jetzt die Wahrheit gefunden zu haben. Und zwar die einzig wahre Wahrheit, die sich zwar temporär immer mal in der Lehre wandeln mag, aber das zeigt ja nur eine demütige Bereitschaft, umzudenken, wenn es notwendig erscheint.

 

Obwohl es recht viele unterschiedliche Ausrichtungen im real existierenden Christentum gibt, zumindest in speziellen Feinheiten der Lehre, sehe ich in einer groben Oberflächenbetrachtung doch vorrangig zwei Linien: Eine, die unreflektiert an ihren Traditionen festhält, und daran alles misst, was an Meinungen geäußert wird, und die andere, die den „Sauerteig“ aller als Irrtum verdächtigten Verwachsungen konsequent „auszufegen“ bestrebt ist, um eine „reine“ Lehre zu entwickeln.

 

Das klingt nach echter Suche nach Authentizität,  aber ich bin immer wieder recht bestürzt, wenn ich erkennen muss, dass auch in dieser Richtung unterschiedliche Auslegungen dazu führen, sich in die Bastion seiner eigenen „Wahrheit“ zurückzuziehen, um hinter der sicheren Mauer einer festen Burg vor den Angriffen des Feindes geschützt zu sein.

 

Was geschieht eigentlich, wenn man sich selbst in den Reihen derer befindet, die sich derart verschanzt haben? Und wie gerät man dort hinein?